„In Afghanistan hätte das Bein amputiert werden müssen“

Die Marienhausklinik St. Josef Kohlhof behandelt einen kleinen Jungen aus Afghanistan kostenlos

Auch wenn er schon viel hat leiden müssen, so ist der kleine Fazel doch ein überaus freundlicher Junge. Hier mit dem Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin, Dr. Ghiath Shamdeen und der Chefärztin der Klinik für Unfall, - Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Dr. Heike Jakob. (Foto: hf)

10.07.2017

Wie alt Fazel genau ist, woher er stammt und wie er sich seine schwere Verletzung zugezogen hat, all das wissen Dr. Heike Jakob und Dr. Ghiath Shamdeen nicht. Aber in ihr Herz haben die beiden Chefärzte (Jakob leitet die Unfallchirurgie, Shamdeen die Kinder- und Jugendmedizin) den kleinen Kerl gleichwohl geschlossen. Das gilt übrigens für alle, die sich in der Marienhausklinik St. Josef Kohlhof überaus liebevoll um den Jungen aus Afghanistan kümmern. Mitte Februar ist der vermutlich Dreijährige über das Friedensdorf International in Oberhausen nach Neunkirchen gekommen – mit einer schweren Osteomyelitis der Tibia, also einer infektiösen Entzündung des Schienbein-Knochens. In der Marienhausklinik wird er kostenlos behandelt und hier auch noch einige Monate bleiben müssen; denn seine Erkrankung ist überaus gravierend. „So etwas sieht man bei uns gar nicht mehr“, sagt Heike Jakob.

Fazel ist ein überaus freundlicher Junge – und tapfer dazu; denn als er in die Marienhausklinik kam, muss er heftige Schmerzen gehabt haben. Die Tibia in seinem linken Unterschenkel nämlich war komplett entzündet und voller Eiter. Um die Entzündung zu behandeln, „haben wir die Wunde mehrmals gesäubert und gespült und das Bein mit einem externen Fixateur ruhig gestellt", schildert Dr. Heike Jakob die ersten Behandlungsschritte. Trotzdem war der Schienbein-Knochen letztlich nicht zu retten und der Tibiaschaft musste durch einen Teil des Wadenbeines ersetzt werden. (Sieben operative Eingriffe hat der kleine Kerl schon hinter sich). Stabilisiert wird das Bein momentan durch einen ringförmigen Fixateur. Rund drei Monate und damit bis etwa Anfang August bleibt der Ringfixateur nun am Bein, anschließend wird es eingegipst „und wir können beobachten, ob das Wadenbein die Funktion der Tibia übernimmt“, skizziert Heike Jakob den weiteren Behandlungsweg.

Das Friedensdorf International in Oberhausen ist eine Hilfsorganisation, die Kinder aus Kriegs- oder Krisengebieten zur medizinischen Behandlung nach Deutschland holt. Das sind Kinder, die wie Fazel in ihrem Heimatland nicht adäquat behandelt werden können und deren Familie sich eine Behandlung im Ausland nicht leisten kann. Das Friedensdorf sucht dann in Deutschland eine Klinik, die das Kind kostenlos behandelt – und hat natürlich über all die Jahre viele Kontakte zu Ärzten geknüpft, die die Arbeit des Friedensdorfes gerne unterstützen. So wie Dr. Ghiath Shamdeen, der schon einer ganzen Reihe von Kindern auf diese Weise geholfen hat. „In Afghanistan hätte das Bein amputiert werden müssen", weiß er, dass die Behandlung in Neunkirchen für Fazel die einzige Chance auf Genesung ist.

Dabei ist der Behandlungserfolg alles andere als garantiert; denn die Entzündung in Fazels linkem Bein reichte bis an die Wachstumsfugen heran. Der Erfolg der gesamten Behandlung hängt deshalb entscheidend davon ab, ob diese Wachstumsfugen durch die Entzündung nachhaltig geschädigt worden sind. Nur wenn sie noch intakt sind und der aus dem Wadenbein transferierte Knochen richtig angenommen wird, wird sich das Bein gesund entwickeln und werden beide Beine gleichmäßig wachsen.

Aber dieses Risiko gehen Dr. Heike Jakob und Dr. Ghiath Shamdeen bewusst ein, schließlich wissen sie, dass Fazel in seiner Heimat gar keine Chance auf Heilung gehabt hätte…

(Text und Fotos: hf).