„Über die Musik finden die Kinder leichter einen Zugang zu ihren Gefühlen“

Das Musiktherapieprojekt des Sozialpädiatrischen Zentrums unterstützt Kinder, ihre Emotionen zu regulieren

Foto: Raphael Maass

12.06.2018

Neunkirchen-Kohlhof. Für die Kinder, die an dem Musiktherapieprojekt des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) der Marienhausklinik St. Josef Kohlhof Neunkirchen teilgenommen haben, war es eine ganz besondere Veranstaltung. Ende März präsentierten sie ihren Eltern, Geschwistern, Großeltern und Betreuern, was sie in den Wochen zuvor mit Musiktherapeutin Monika Caracioni erarbeitet und gelernt hatten. Dafür saßen sie – teilweise mit ihrem Vater oder ihrer Mutter – im Kreis vor dem Publikum. In der Mitte auf einer weißen Decke lagen verschiedene Musikinstrumente, Rasseln und eine große Trommel. Monika Caracioni leitete die einstündige Aufführung, bei der die Kinder zahlreiche Lieder sangen und musizierten.

Die elf Kinder wurden auf der Station Villa Kunterbunt, der Station für Langzeittherapie, behandelt, weil sie an unterschiedlichen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen leiden. Einige sind behindert oder haben zusätzlich chronische Erkrankungen wie Epilepsie, Diabetes oder Asthma. Sie alle tun sich schwer, ihre Emotionen zu regulieren. Sie bekommen zum Beispiel unkontrollierte Wutanfälle, werden aggressiv und handgreiflich oder trauen sich vor lauter Ängsten buchstäblich nicht aus ihrem Schneckenhaus. „Das führt zu massiven Schwierigkeiten in ihrem sozialen Umfeld, in der Schule und ihren Familien“, so Dr. Reiner Hasmann, der leitende Arzt des SPZ. Die Kinder werden betreut von einem multiprofessionellen Therapeuten- und Ärzteteam. So helfen etwa Psychotherapie, Heilpädagogik, Spiel- und Ergotherapie den Kindern, ihre Probleme zu bewältigen, Defizite aufzuarbeiten und Verhaltensweisen zu erlernen, die es ihnen leichter machen, in ihrem Umfeld zurechtzukommen.

Seit sieben Jahren gehört auch die Musiktherapie zum Behandlungskonzept. „Über die Musik finden die Kinder leichter einen Zugang zu ihren Gefühlen“, so die Erfahrung von Monika Caracioni. Die gebürtige Rumänin hat Bratsche und Klavier studiert und lange Jahre in St. Wendel Kindern Musikunterricht erteilt. Vor fast acht Jahren kam sie ins SPZ, studierte berufsbegleitend Psychologie und absolvierte den Masterstudiengang Musiktherapie. „Die Verbindung von Musik und Psychologie hat mich schon immer interessiert“, sagt sie. „Denn ich habe die Beobachtung gemacht, dass Musik die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unterstützen kann.“

Von der Musiktherapie profitieren die Kinder auf mehreren Ebenen. Damit sie in der Gruppe musizieren können, müssen sie Regeln einhalten wie zum Beispiel Blickkontakt aufbauen, richtig zuhören und andere ausreden lassen. „Mit Musik fällt es ihnen wesentlich leichter, diese Vereinbarungen zu lernen und anzuwenden“, so Monika Caracioni. Zu jeder dieser Regeln hat sie mit ihnen ein entsprechendes Lied einstudiert, das sie bei der Veranstaltung vortrugen. Sämtliche Texte hatten die Kinder übrigens auswendig gelernt. Auch das gehört zum Projekt.

In vielen Liedern geht es um das Erleben von und den Umgang mit Emotionen, also um Trauer, Wut, Freude und Angst. So sprachen die Kinder in der Musiktherapie auch über ihre Gefühle, sie lernten sie zu benennen, beim Gegenüber durch Mimik, Körperhaltung und Gestik zu erkennen und damit umzugehen. „Die Musik und das Singen der Lieder haben sie darin unterstützt“, so die Musiktherapeutin. Der Liedtext, Wenn du wütend bist, stampfe mit dem Fuß zeigt zum Beispiel eine Möglichkeit, auf Ärger zu reagieren, ohne jemanden anzugreifen oder Dinge zu zerstören. Es sei ganz wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass sie ihren Emotionen nicht hilflos ausgeliefert sind. Es gibt Strategien, die sie erlernen können, um beispielsweise ihre Wut nicht unmittelbar rauszulassen, als würden sie einen Wasserhahn voll aufdrehen. So wie man einen Wasserhahn nur ein wenig öffnen kann und das Wasser dann herauströpfelt, so sei es auch möglich, die Wut zu kontrollieren. „Wir arbeiten gerne mit solchen Bildern, denn sie helfen den Kindern beim Umgang mit ihren Emotionen“, so Dr. Hasmann.

Eine Strategie gegen Angst sind Mut-Mach-Sätze und -Lieder, die die Kinder ebenfalls eingeübt haben. Und der Traurigkeit und Fröhlichkeit spürten sie beim Lied Bruder Jakob nach, das – in einer Dur-Tonart gesungen – fröhlich, in Moll hingegen traurig klingt. Gleichzeitig spielten sie auf den Instrumenten. Und jedes Kind, das den Mut dazu aufbrachte, bekam einen Soloauftritt mit der großen Trommel, mit der Blockflöte oder sogar mit der Geige.

Für die Kinder war es eine sehr positive Erfahrung vor Publikum aufzutreten. Sie alle waren die gesamte Zeit aufmerksam und konzentriert dabei. Von Monika Caracioni und Dr. Hasmann erhielten sie dafür großes Lob und vom Publikum Applaus. „Gerade für diese Kinder, die bislang aufgrund ihrer Störungen eher selten positive Rückmeldungen erhalten haben und in der Vergangenheit oft auf Ablehnung gestoßen sind, ist das immens wichtig“, weiß die Musiktherapeutin. „Denn das stärkt ihr Selbstbewusstsein und hilft ihnen, sich gut zu entwickeln.“(Text: Andrea Schulze)